
Unsere Gesellschaft ist multikulti und nicht selten haben gerade die Kinder von Zuwanderern mit den unterschiedlichsten Schwierigkeiten zu kämpfen. Da ist die fremde Sprache, aber auch ganz neue Lebensumstände und andere Gewohnheiten sorgen für einige Herausforderungen im Alltag. Um besonders begabten und engagierten ausländischen Jugendlichen bessere Möglichkeiten, eine höhere Schulbildung und somit größere Chancen für eine gelungene Integration zu bieten, hat die Gemeinnützige Hertie-Stiftung das Stipendienprogramm START ins Leben gerufen. Es will den Kindern von Zuwanderern in Deutschland den Weg bereiten – als Ansporn zur Integration, als „Investition in Köpfe“ und als positives Signal für die Gesellschaft. Sarah El-Bakri wurde in Deutschland geboren, vor 18 Jahren. Ihre Familie stammt aus dem Sudan. Seit November 2006 wird die junge Frau von START gefördert. Ich treffe Sarah zu einem Interview…
Was genau ist START? „Das Programm wurde vor vier Jahren in Hessen von der Gemeinnützigen Hertie – Stiftung gegründet. Es fördert uns Zuwandererkinder von der 8. bis zur 13. Klasse mit einem Stipendium. Ziel ist es, dass wir Abitur machen, um dann studieren zu können. Mittlerweile gibt es START in fast jedem Bundesland. Wir bekamen am Anfang einen Computer zum Arbeiten und erhalten nun jeden Monat 100 Euro Bildungsgeld für Bücher oder Arbeitsmaterialien. Das START Programm bietet auch regelmäßige Veranstaltungen und Exkursionen. Im November war ich zum Beispiel auf einem Seminar mit dem Titel ‚Mut zur Verantwortung’ – das fand im Saarland statt und behandelte die Themen der Nachhaltigkeit, also Umweltschutz und Ökonomie. Davor gab es schon Seminare zu den Themen Rhetorik, Knigge und auch Europa. Bei START lernt man eine ganze Menge, das finde ich toll. Es gibt einem mehr Selbstbewusstsein. Ich bin stolz darauf, dabei zu sein.“
Wie bist du ins Programm gekommen? „Meine Biolehrerin Frau Zivny hat mir von START erzählt und ich war direkt begeistert. Also schickte ich meine Bewerbung ein, erhielt eine Einladung und musste mich vor einer Jury behaupten. Natürlich war ich total nervös – aber das hat wohl niemanden gestört und ich wurde angenommen. Im Moment gibt es in Berlin etwa 20 Stipendiaten. Mit den anderen habe ich mich schnell angefreundet. Wir treffen uns regelmäßig und unternehmen auch in unserer Freizeit viel zusammen, gehen zum Beispiel ins Kino oder Bowlen. Eigentlich sind wir so etwas wie eine Familie geworden und das ist super schön.“
Was machst du denn sonst so? „Oh, mir wird eigentlich nie langweilig. Da gibt es einen Aktionskreis ‚Kinder von Tschernobyl’, der es sich zum Ziel gemacht hat, jeden Sommer ein paar Kinder aus dem Gebiet der Reaktorkatastrophe nach Deutschland zu holen und ihnen ein paar schöne Wochen in einem Camp zu ermöglichen. Da helfe ich mit und bin auch als Betreuerin vor Ort. Außerdem arbeite ich an unserer Schülerzeitung ‚Walters Wilde Welt’ mit. Das macht Spaß, an unserer Schule (Walter-Gropius-Schule) gibt es vieles, worüber man berichten kann. Die Lehrer sind sehr engagiert und unterstützen viele Projekte. Ich mag die Schule und mit Neukölln komme ich auch klar. Es gibt allerdings ein paar Plätze, die ich meide und auch mit Ausländerfeindlichkeit komme ich ab und zu in Berührung – aber trotzdem ist mir der Bezirk ziemlich ans Herz gewachsen. Die Menschen hier sind jedoch nicht so offen gegenüber Fremdem. Da ist es im Sudan ganz anders.“
Warst du schon mal dort? „Na klar! Gerade über Weihnachten und Silvester das letzte Mal. Ein Teil meiner Familie lebt ja im Sudan. Es gibt vieles, das mir dort unglaublich gut gefällt: Der Zusammenhalt zwischen den Menschen ist viel größer, die Menschlichkeit und auch die Gastfreundlichkeit. Man ist mehr füreinander da und wie eine große Familie. Natürlich gibt es auch Sachen, die mir überhaupt nicht gefallen: Die Infrastruktur ist sehr schlecht und die Obrigkeit, der Staat kontrolliert das Leben sehr stark. Außerdem sind alle viel zu unpünktlich, das kann ich überhaupt nicht haben.“
Wie stellst du dir denn deine Zukunft vor? „Ich möchte zuerst mein Abitur mit einem möglichst guten Notendurchschnitt machen. Das dauert noch ein Jahr. Und danach würde ich gerne studieren. Ich weiß allerdings noch nicht genau, in welche Richtung ich gehen will. Auf der einen Seite würde ich gerne weiter mit Kindern arbeiten, auf der anderen Seite etwas mit Sprachen machen. Ich liebe Englisch! Vielleicht kann ich auch beides miteinander verbinden, mal sehen. Auf jeden Fall möchte ich ein oder zwei Semester im Ausland verbringen. Und bis dahin werde ich mich weiterhin im START–Programm beziehungsweise bei den Alumni – so nennt man dessen Absolventen – engagieren. Ich möchte mich an dieser Stelle übrigens noch einmal ganz herzlich bei der Hertie- Stiftung und all unseren Sponsoren bedanken!“
Das hört sich doch richtig gut an! Wir wünschen Sarah und den übrigen Stipendiaten viel Erfolg! Mehr Infos zum Programm gibt’s im Internet unter www.start.ghst.de. Und wer den Kindern von Tschernobyl helfen möchte: Kirchliches Verwaltungsamt Berlin, Stadtmitte, EDG Kiel, Filiale Berlin, Konto: 63606, Bankleitzahl: 21060237, Kennwort: “Kinder von Tschernobyl. (Bild & Text: J. Nord)
November 12, 2008 um 7:44 |
Keep up the good work.