bick Nr. 4: „Von Reimon und King Kong…“

By Jan-Erik

Reimon Opitz grinst und beugt sich ein Stückchen nach vorne. Ein paar dunkle, zerfurchte Finger streifen vorsichtig über sein grünes Hemd, nesteln neugierig an der Brusttasche und stoßen darin auf seine Lesebrille. Der 60-jährige lacht und meint: „Die wird dir nicht passen.“ Dann greift Opitz hinter sich und nimmt einen Apfel: „Hier: Probier den mal!“ Die kräftigen Finger ziehen sich zurück und holen das Obst. Es folgt ein zufriedenes Schnauben. Fatou freut sich und verputzt den Apfel. Währenddessen lässt sie sich von Reimon Opitz, ihrem Pfleger, tätscheln.

„Kaum zu glauben, aber unsere Fatou müsste schon weit über 53 Jahre alt sein. Damit ist sie wohl die älteste lebende Gorilladame auf der ganzen Welt!“ meint der Berliner. Ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Opitz ist schon seit 42 Jahren im Berliner Zoo beschäftigt. Eine lange Zeit, und trotzdem war Fatou schon vor ihm da: „Sie ist ein echter Wildfang, eine Waise. Fatou wurde 1953 als Baby im Urwald gefunden, von ihrer Familie keine Spur. Also kümmerten sich die Leute in einer Station um sie. Irgendwann wurde das Gorillamädchen dann verkauft und landete bei uns im Zoo.“ Dort kreuzten sich ihre Wege. Reimon Opitz kam durch Zufall an seinen Job. Er wollte eigentlich Polizist werden, „aber das war nichts für mich“, erinnert er sich zurück: „Mein Vorgesetzter kannte jedoch den damaligen Direktor des Zoos und vermittelte mich zu einem Vorstellungsgespräch. Nach zwanzig Minuten hatte ich die Stelle. Ein paar Tage später ging’s dann los…“ Reimon war gerade 17 als seine Ausbildung begann. Sie dauerte ganze fünf Jahre. In dieser Zeit wurde der junge Berliner „durch jedes Revier geschickt“ und musste überall mit angreifen. Er sammelte Erfahrungen und kann eine Menge Geschichten von damals erzählen.

„Vor allem die Menschenaffen faszinierten mich“, meint Opitz: „Das ist bis heute so geblieben: Jedes Tier hat seinen eigenen, besonderen Charakter. Ich darf keine Unterschiede machen, kein Tier bevorzugen oder anders behandeln. Gerade Menschenaffen merken so etwas schnell und reagieren dann überaus schwierig. Deswegen habe ich auch keinen Liebling, alle bedeuten mir gleich viel.“ Schon kleinste Gesten und vor allem die Mimik können das Verhältnis zwischen Mensch und Tier beeinflussen: „Es reicht bereits, wenn man die Stimme erhebt. Das ist wie eine Strafe.“ Der 60-jährige hatte schon mit unzähligen Tieren zu tun. Gemeinsam mit seiner Frau zog Opitz in den vergangenen Jahren 20 Menschenaffen groß. Sie alle wurden als Baby von der Mutter nicht angenommen und wären sonst gestorben. „Das kann schon mal passieren. Gerade bei der ersten Geburt sind die Mütter oftmals vollkommen überfordert von den ganzen neuen Erlebnissen. Sie schaffen es dann nicht, dem Baby den Weg zur Brust und somit ins Leben zu zeigen. Das Kleine würde einfach verhungern.“

Der Tierpfleger erinnert sich noch an den ersten Zwischenfall dieser Art: „Ich hielt dieses arme Gorillababy auf dem Arm und wusste nicht mehr weiter. Also wandte ich mich an meine Frau. Sie hatte Mitleid und nahm das Baby sofort an. Wir zogen es gemeinsam auf.“ Familie Opitz lebt in einer Wohnung auf dem Gelände des Zoos. Und der kleine Affe von damals? „Dem geht’s bestens. Bokito lebt heute in Rotterdam. Er ist riesengroß, alle im Zoo nennen ihn ‚King Kong’, und außerdem ist er ziemlich fix. Pokito ist schon ein paar mal ausgebüxt!“ grinst Reimon Opitz. Auch seinen anderen Zöglingen geht es gut, sie haben  alle schon selbst Nachwuchs bekommen.

„Ich liebe meinen Job!“ sagt der Tierpfleger, „er ist mein Leben!“ Opitz arbeitete sich konsequent nach oben, ist nun seit Jahren Betriebsratsvorsitzender und Obertierpfleger: „Das ist schon  ziemlich stressig, auf der einen Seite die ganze Büroarbeit, und auf der anderen Seite die Tiere. Trotzdem genieße ich jeden Tag im Zoo.“ Mittlerweile verlangt Fatou wieder nach Aufmerksamkeit: Sie hat noch zwei weitere Äpfel sowie ein paar Scheiben Brot gefunden und verputzt. Nun möchte die alte Gorilladame noch ein paar Streicheleinheiten. „Sie war bis gestern schwer krank, hatte eine Grippe und hohes Fieber. Deswegen bekam sie Medikamente und besondere Pflege. Aber jetzt geht’s ihr schon wieder besser!“ sagt Opitz und tätschelt sie zufrieden. (Bild & Text: J. Nord).

Schlagworte: , ,

Eine Antwort schreiben