bick Nr. 4: „Es gibt keine typischen Fälle!“ – Siegfried ist „Drinnen und draußen“

By Jan-Erik

„Menschen brauchen Beziehungen“, sagt Siegfried Steffen und blättert in seinem Terminkalender.  Tage, Wochen, Monate tauchen auf und verschwinden wieder. Seite um Seite. Alle sind gefüllt mit Namen und mit Beziehungen. „Es gibt bei uns keine Fälle. Vor allem keine typischen!“ meint der 60-jährige Sozialpädagoge. Er ist Mitbegründer und Leiter des Straffälligenhilfeprojektes „drinnen und draußen“ von der Berliner Stadtmission.

„Jeder Inhaftierte ist eine Persönlichkeit mit eigenem Charakter. Man kann da nicht nach einem festen System arbeiten, um Erfolg zu haben!“ erklärt Steffen. Er trägt einen neuen Namen in seinen Kalender ein und markiert ihn. Es ist der erste Termin für den Betreffenden, das erste Gespräch, zum Vorstellen und Kennenlernen. Vielleicht ist es der erste Termin von vielen – je nach dem, ob der Inhaftierte die gebotene Unterstützung annehmen möchte oder sich wieder zurückzieht. „Erfolg ist für uns, wenn es jemand mit unserer Hilfe schafft, sein Leben in und vor allem nach der Haft wieder auf die Reihe zu bekommen. Wenn derjenige nicht mehr straffällig wird und einen Job findet!“ sagt Steffen. Seit 2001 ist er Leiter des Projektes, er hat es selbst konzipiert und auf die Beine gestellt. Steffen steckt voller Energie, ist ein Charismatiker, jemand, der schnell Zugang zu fast jedem Menschen finden und vor allem behalten kann. Das ist von enormer Bedeutung in seinem Job, denn Steffen hat Tag für Tag mit den unterschiedlichsten Charakteren zu tun: „Die einen können weder lesen noch schreiben, die anderen haben promoviert und Millionen hinterzogen.“ Sie alle sitzen im Büro vor Steffen oder seinen sieben Mitarbeitern und haben eine Menge Herausforderungen vor sich: Die Zeit in Haft hinter sich zu bringen und den Weg zurück in ein normales Leben zu finden.

„Wir arbeiten eng mit den Haftanstalten zusammen. Das ist sehr wichtig, denn wir müssen alle am gleichen Strang ziehen!“ sagt Steffen. Die Inhaftierten erfahren oftmals durch die Gruppenleiter in den Anstalten bzw. über andere Insassen vom Projekt „drinnen und draußen“. Sie  müssen dann eine schriftliche Bewerbung verfassen und werden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen: „Wir schauen uns die Leute an und erarbeiten dann ein Konzept: Was ist wichtig und richtig für den Einzelnen? Danach wird gehandelt.“ Das Projekt zeigt neue Lern- und Erfahrungsräume auf. In Einzelberatung, therapeutischer Gruppenarbeit, Seminaren und Selbsthilfe- angeboten werden beständige soziale Beziehungen geboten. Im Umgang mit den Betreuern, Institutionen und anderen Teilnehmern übt man Verlässlichkeit und Vertrauen ein. Es gibt zum Beispiel ein Antigewalt- training, eine Gruppe zu Sucht und Abhängigkeit, eine Wertegruppe, Bewerbungstraining, Computerkurse und schließlich Wohnhilfe beziehungsweise betreutes Einzelwohnen. „Das reicht aber bei weitem noch nicht aus! Diese Menschen brauchen jemanden, der ihnen in ihrer künftigen Lebensführung Unterstützung und Hilfe geben kann.“ Steffen und sein Team stellen sich auch dieser Herausforderung und helfen in der Zeit nach der Inhaftierung. „Viele Klienten scheitern schon an den Behörden. Sie müssen sich mit schlecht ausgebildeten Bürokraten herumschlagen und flippen irgendwann aus, weil sie nicht mehr weiter wissen. Wir wollen das verhindern und bieten tatkräftige Unterstützung im System!“ meint der Sozialpädagoge. Steffen spricht übrigens bewusst von Klienten, da dieser Begriff auch den Respekt vor dem Einzelnen auszudrücken vermag.

Und Respekt ist wichtig, gerade bei Menschen aus einem schwierigen Umfeld. Er weiß, wovon er redet: Steffen hat selbst mal auf der Straße gelebt. Das ist zwar schon Jahrzehnte her, aber es hat ihn geprägt. „Damals habe ich gelernt, wie wichtig Ehrlichkeit und Durchhaltevermögen sind!“ Steffen schaffte den Absprung, arbeitete eine Zeit und entschied sich 1972 für das Studium der Sozialpädagogik. Anschließend war er beim Diakonischen Werk tätig und arbeitete mit Obdachlosen, absolvierte eine Zusatzausbildung in Gestalttherapie und kam schließlich 1996 zur Stadtmission. „Menschen brauchen Beziehungen!“ bekräftigt Steffen wieder: „Und ich brauche Menschen. Die Arbeit mit ihnen ist ungeheuer spannend und ein fester Teil meines Lebens.“ (Bild & Text: J. Nord)

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