Margret klopft leise an die dunkle Holztüre, zweimal, dreimal. Dann meint sie: „Housekeeping. Sind Sie da?“ Keine Antwort, alles bleibt still. Also schließt die 56-jährige auf und betritt den geschmackvoll eingerichteten Raum. Ein prüfender Blick, alles ist in bester Ordnung. Die Kollegin war bereits da und hat das Zimmer hergerichtet – damit sich die Gäste nach Ihrer Rückkehr wie zuhause fühlen. Margret schaut kurz ins Badezimmer und streicht dann noch mal über die glatte Bettdecke, zum Abschluss sozusagen. Sie schmunzelt: „Eine alte Gewohnheit.“

Die Berlinerin ist seit 30 Jahren Zimmerfrau im Hotel Albrechtshof. „Ich bin durch Zufall hierher gekommen!“ erinnert sie sich: „Damals war meine Tochter Sandra gerade mal zwei Jahre auf der Welt und ich wollte wieder arbeiten. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Job, was mit zwei Kindern in der Zeit ziemlich schwierig war. Dann tauchte eines Tages dieses Schild im Fenster vom Albrechtshof auf. Darauf stand: ‚Zimmerfrau gesucht!’ Also habe ich mich beworben und hatte Glück: Ich wurde angestellt und durfte sogar ab und zu meine Kleine mitbringen, während ich Dienst hatte.“ In den folgenden Jahren wurde das Hotel zu ihrem zweiten Zuhause, Margret arbeitete voller Energie und leitete schließlich alle Zimmermädchen des Hauses. Vor kurzem hat sie jedoch andere Aufgaben im Haus angenommen, ein bisschen stolz blickt sie auf mehr als 20 Jahre Arbeit in den Zimmern zurück: „Viele stellen sich diesen Job zu einfach vor: Es ist schwere, körperliche Arbeit.“ Der Arbeitstag beginnt meistens um kurz nach 6 Uhr in der Frühe, mit Arbeiten in der Waschküche. Zu dieser Zeit sitzen bereits viele Gäste beim Frühstück, Geschäftsleute, die im Anschluss zu Terminen aufbrechen. Um 8 Uhr folgt das eigentliche „Housekeeping“, der Service. Jede Zimmerfrau ist im Schnitt für 25 Räume zuständig. Der Albrechtshof hat 100 Zimmer mit 195 Betten, verteilt auf 4 Etagen. Margret hat schon so viele Betten gemacht, Böden gesaugt und Badezimmer geputzt, dass sie diese Aufgaben mittlerweile im Schlaf ausführen könnte. „Wichtig ist: Erstmal durchlüften!“ schildert sie den typischen Arbeitsablauf in den Zimmern: „Dann ziehen wir die Betten ab, säubern das Badezimmer, beziehen wieder frisch, wischen Staub und saugen den Teppichboden.“ Die Zimmerfrau hat schon viel gesehen und noch mehr in Ordnung gebracht: „Wir sagen niemals: Das ist nicht meine Aufgabe!“ Margret mag ihren Job wegen der Herausforderungen und der Abwechslung: „Man lernt unglaublich viele Menschen kennen, Reisende aus der ganzen Welt.“
Der Albrechtshof hat eine lange Tradition in Berlin. Er wurde bereits 1910 als „Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße“ eröffnet und besteht seit 1913 in seiner heutigen Größe und äußeren Gestalt. Die damalige Gründung wurde durch Unterstützung wohlhabender Freunde der Berliner Stadtmission möglich. In der Folgezeit hatte der Albrechtshof eine bewegte und bewegende Geschichte: In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges beherbergte das Haus die Augenklinik der Charité und einen Pharmaziehandel. Während der SED-Herrschaft war der Albrechtshof Treffpunkt unzähliger Familien, die durch die deutsche Teilung getrennt waren. Als eines von nur zwei nicht der staatlichen Reglementierung unterworfenen Häusern war er außerdem der Garant für die Durchführung gesamtdeutscher wie internationaler Kirchentagungen.
Margret blickt gerne, aber ein bisschen wehmütig auf die vergangenen Jahre im Dienst zurück: „Früher wussten die Gäste unsere Arbeit noch mehr zu schätzen. Heute gibt es nur wenig Anerkennung und kaum Trinkgeld. Unsere Arbeit ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.“ Die 56-jährige genießt deswegen bestimmte Momente umso mehr, zum Beispiel, wenn sie von Gästen aus früheren Jahren angesprochen und als „vertraute Seele“ bezeichnet wird. Margret schmunzelt: „Das ist natürlich toll. Es bedeutet, dass sich die Leute wirklich wohl gefühlt haben.“ Nun muss die Zimmerfrau wieder an die Arbeit, eine Besprechung im Sitzungssaal steht an. Margret wird den Raum vorbereiten. Sie lächelt zum Abschied, herzlich und voller Wärme. Auch eine alte Gewohnheit. (Bild & Text: J. Nord).
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